Lehrreiches Schönberg

  • Es ist schwierig, etwas zu beschreiben, was man nicht sieht. Scheintote etwa berichten nach ihrer Rückkehr ins irdische Leben, dass sie auf oder jenseits der Grenze zum Tod helles, weißes Licht gesehen hätten. Das ist ein wenig enttäuschend. Zwar haben wir nicht gerade das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes erwartet, aber ein paar Konturen des Jenseits hätten es schon sein können. Doch nichts da.Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte unsere Reisegruppe am Sonntag an den Rändern Mecklenburg-Vorpommerns zu kämpfen, als es um die Erinnerung an den legendären, wenn auch kaum bekannten Schönberger Kessel ging. Wie erzählt man den Nachgefahrenen von einer Wirkung ohne Ursache, also davon, warum beim letzten Auswärtsspiel in Schönberg im Februar 2004 rund 60 unserer Fans eingekesselt wurden? Da wird man verlegen, quasi scheintot.

    Anders sieht es aus, wenn wir das Ganze nicht als ein Kausalverhältnis zu begreifen suchen, sondern als Zweck-Mittel-Relation. Wobei jetzt die Polizei das Mittel ist. Das Mittel zum Beispiel, um gegnerische Fangruppen zu trennen. Von Marx’ Entfremdungstheorie wissen wir, dass die Mittel dazu neigen, sich gegenüber den Zwecken zu verselbstständigen. So geschehen auch an jenem fernen Februartag, als außer uns und der Polizei niemand da war. Das ist schwer zu verstehen, zugegeben. Deshalb könnte man zur Erhellung ein Experiment wagen: Man schicke eine Polizeitruppe auf ein Feld, auf dem keiner ist, und schaue, ob sie in der Lage ist, zwanzig Anzeigen zusammenzubringen. Das ist so absurd wie albern, aber ein wenig Spaß muss sein, so wie bei der Kranzniederlegung am Sonntag.

    Von solch hintersinnigem Geplänkel wusste unsere Mannschaft nichts und führte nach acht Minuten 1:0 (Steinborn). In der Folge machte sich Sorglosigkeit breit, auf der nigelnagelneuen Stahlrohrgästetribüne, wo die Ultras fröhlich neue Lieder einstudierten, ebenso wie auf dem Platz, wo unsere Mannschaft den Ball durch ihre Reihen holpern ließ – was nebenbei die sportliche Version von Adornos Frage »Gibt es ein wahres Leben im Falschen?« aufwarf: Ist ein gepflegtes Passspiel auf ungepflegtem Grund überhaupt möglich?

    Unsere Elf ließ sich weder vom Rasen noch von entfremdungstheoretischen Gedanken provozieren, versäumte gelassen ihre Chancen aus und lud die Schönberger ein, es ihnen gleich zu tun. Gegen Jena vor Wochenfrist hätte das zu einem Debakel geführt, doch die Heimmannschaft erwies sich eine knappe Stunde lang als galanter Gastgeber und nahm unsere Einladung an. Dann war der Ausgleich nicht mehr zu vermeiden.

    Nun hätte das Spiel eine Wende nehmen können. Aber schnell wurde klar: Niemand wollte Überraschungen. Die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Also bemühte man sich um die Wiederherstellung des alten Zustandes. Und es dauerte nicht lange, da holte ein Schönberger unseren durchgebrochenen Stürmer im Strafraum von den Beinen. Notbremse. Rote Karte. Elfmeter. 2:1 für den Favoriten (Shala). Der Rotsünder trottete im Schneegriesel traurig davon und manche der geschätzten 300 Heimfans taten es ihm gleich und verloren sich in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.

    Noch waren mehr als 20 Minuten zu spielen. Und dann wieder ein Paradox: Niemand kann in die Zukunft schauen, die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Aber alle wussten: Das Spiel ist gelaufen. Oder taten so, als wüssten sie es. Und um nicht Lügen gestraft zu werden, demonstrierten sie dem staunenden Publikum, was eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, und schossen auf das Schönberger Tor: die Babelsberger (3:1 Shala) und die Schönberger (4:1 Eigentor) und dann wieder die Babelsberger (5:1 Uzun). Und dann war Schluss. Und jetzt hatte keiner mehr Lust auf Philosophie. Die Schönberger nicht. Die Babelsberger nicht. Und die Polizei auch nicht.

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