Wind of Change im Karli

 

Zu Zeiten, als die DDR West-Berlin noch fest umgürtete, gab es weit im Westen der Frontstadt, direkt an der Mauer in Spandau, ein Irrenhaus. Wenn gelegentlich ein Insasse zurück in die Freiheit wollte, dann sprang er auf der Rückseite Richtung Westen in den Osten. Das war keineswegs irre, denn vorn wäre er gleich wieder eingeliefert worden. Aber es war doch verwirrend mit dem gleichzeitigen Osten und Westen. Das fanden auch die DDR-Grenzer, die solche illegalen Grenzübertritte nicht gewohnt waren.

Ähnliche Verwirrungen gibt es im Fußball. Da kann man beispielsweise nie verlieren und doch nach unten durchgereicht werden. Dies Paradox kennt man gut in Babelsberg. Bevor man daran irre wird, dachte sich die Mannschaft wohl, als es am vergangenen Freitag im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion gegen die Zweite von Erna ging, spielt man nach vorn, gewinnt, holt drei Punkte und braucht sich nicht kirre machen zu lassen. Und so liefen, spielten und kombinierten sie die ersten 30 Minuten munter und höchst ansehnlich. Immer Richtung Westen auf das Tor des Charlottenberger Traditionsvereins, selbst eine Ikone West-Berlins und fast so weit Westen wie Spandau, quasi Vorort, wenn der Name Spandauer Vorstadt nicht schon vergeben wäre. Und dessen Mannen merkte man an, dass sie noch daran zu knabbern hatten, nach Süden in den Osten gefahren zu sein. Die Führung für Nulldrei (Steinborn) war daher nur eine Sache der Zeit.

Nach dem Seitenwechsel war zu spüren, wie froh unsere namenlosen Gäste (hat man dort kein Geld für ordentliche Trikots?) waren, nun endlich auch nach Westen spielen zu dürfen, heimwärts gleichsam. Gerade drei Minuten vergingen bis zum Ausgleich, und nach abermaliger Babelsberger Führung (Cubukcu) brauchte man dazu nicht einmal 60 Sekunden. Nun schien das Gespenst von der unbesiegten Talfahrt wieder die Runde zu machen und die Beine unserer Jungs zu lähmen.

Doch in den Schlussminuten kam ein Wind von historischer Dimension auf. Als wolle man den Mauerfall vor einem Vierteljahrhundert feiern, berannten die Unsrigen das Tor im Osten. Unheil ahnend, warfen sich die Gäste einer nach dem anderen jammernd zu Boden, doch so war der Lauf der Geschichte nicht aufzuhalten. Während Cem dem Schicksal nicht zu trauen schien und in der Nachspielzeit noch einmal auswechselte, machte die Kurve mobil und skandierte ohne Unterlass „Los jetzt ihr!“ und dann „Los jetzt hier!“ – eine Verschiebung ähnlich wie weiland vom „das“ zum „ein“. Auf jeden Fall eine unmissverständliche Ansage: Hic Rhodos, hic salta!

Beflügelt von solchen Chören, setzten sich die Babelsberger in der gegnerischen Hälfte fest, drangen in den Strafraum ein und ließen sich dort umhauen. Eine Provokation? Vielleicht, aber so genial geschickt, dass auch der Funktionär an der Seitenlinie resigniert, aber redlich (das muss man ihm lassen) die Fahne hob. Noch war unklar, was folgen sollte, obwohl die Entscheidung schon getroffen war. Der Schiri, in dieser Situation ein Wiedergänger Günter Schabowskis, eilte zur Außenlinie und befragte seinen Zettel (hier der Assistent). Ein letzter kollektiver Aufruhr (Rudelbildung), um das Unvermeidliche doch noch zu verhindern. Und dann die zunächst zögerliche, doch schließlich bestimmte richtungsweisende Handbewegung. Der Sturm auf das Tor ist freigegeben! Elfmeter! Ernas fulminanter Torwächter hat keinen Zettel und keine Chance. Verwandelt (Shala). 3:2!

Dass sich die Geschichte wiederholt, hat schon Marx gewusst, der von Fußball keine Ahnung hatte. Und was einmal politischer Ernst war, kann durchaus zum Lustspiel reifen, zum Beispiel am letzten Freitag im Karl-Liebknecht-Stadion, als der Jubel keine Grenzen mehr kannte und noch einmal den gesamten Ostblock ergriff, der heute nur noch Kulisse ist. Ebenso wie Ost und West. Über die Revolution allerdings werden wir demnächst zu reden haben.

 

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