Ball paradox

Das berühmte Wort des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau, nach dem das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei, hat immer dann Hochkonjunktur, wenn etwas durch mathematische oder statistische Operationen nicht mehr erfasst, erklärt oder gar begriffen kann. Solch Wunderliches nun geschah auch am vergangenen Sonntag in Halberstadt, als unsere Jungs beim VfB Germania Halberstadt antreten mussten (bei allem Respekt gegenüber Vereinsnamen, wie kann man eine Stadionzeitung bloß „Germanenecho“ nennen? Das hört sich nach Brüllen im Wald an, und da schallt es dann bekanntlich genau so raus. Also schon blöd. In dem dann gar nicht großmäuligen Heft, das sie aus Anlass unseres Gastspiels gedruckt haben, kamen wir übrigens außer in einem Pennälerwitz und mit der Mannschaftsaufstellung kaum vor. Na gut.)
Aber zurück zur rätselhaften Arithmetik dieses Tages. Zerlegt man das Ereignis Auswärtsfahrt in die klassischen vier Bestandteile, dann ergibt sich folgendes Ergebnis: Wurst = fad, Bier = fad, Spiel = fad, Support = fad. Ohne zwischen diesen Elementen voreilig irgendwelche Kausalitätsbeziehungen aufmachen zu wollen, so scheint doch – nimmt man alles zusammen – in summa gar nichts anderes herauskommen zu können als ein eindeutiges, ja geradezu fettes „fad“. Letzteres geht natürlich nicht, schon allein wegen der Contradictio in adiecto (fett und fad wollen nicht zueinander passen), aber da klingt schon ein wenig Überschuss an, hier quasi Sehnsuchtsfaktor (wenn ich beispielsweise an die tschechischen Würste vom Wochenende zuvor denke: da kannste dir, wie ein Freund treffend bemerkte, das Gesicht gleich nach dem ersten Biss waschen – nix fad). Stattdessen also Halberstädter Würstchen, genauer: Brühwürstchen! Kann man sofort und ohne Ende Witze drüber machen. Das haben die Halberstädter wohl auch geahnt und protzig ein „Weltmeister“ davor gesetzt, „Weltmeister Bockwurst“. Ich sag nur: „Germanenecho“.
Fett oder nicht, mathematisch kommt man jedenfalls nicht von der Stelle, fad+fad+fad+fad oder 4 x fad – das bleibt einfach: fad. Theoretisch. Praktisch: fröhliche Gesichter bei Spielschluss! Zum Staunen. Man sage jetzt nicht vorschnell: Bei dem Ergebnis, kein Wunder! Nein, das Resultat allein macht es nicht, macht es nie, eher schon, wie es gemacht ist. Und da bleibe ich dabei: Das war eine ganz und gar fade Angelegenheit, von uns und von den Halberstädtern auch, wie da 20 Spieler nach dem Ball hüpften, planlos über den Platz säckelten und Pässe (?) ins Nichts schlugen. (Wollen mal nicht hoffen, dass das mit „Fußball unplugged“ gemeint ist.) Das sah doch alles sehr nach Zufall aus. Und jetzt kommt man der Sache schon näher.
Dass Eigenartiges in der Luft liegen würde, konnte man bereits auf der Anreise ahnen, als man(n) beim Austreten darauf achten musste, sich nicht zu blamieren (apropos Bedürfnisse: drei Klos im Gästeblock, das ist frech – wir sind doch nicht der BAK), und die Bahnfahrer wegen umgestürzter Bäume länger brauchten (jetzt mal was Positives über die Gastgeber: feine Geste, deswegen das Spiel später anzupfeifen!). Der Wind, der Wind also. Der machte von Anbeginn an klar, wer der Herr im Stadion sein würde. Er nahm einen langen Anlauf aus den Bergen und pfiff uns an der Gegengerade giftig ins Gesicht, fegte den Schaum vom Bier und riss unsere Gesänge in Fetzen, die nicht einmal bis zur Außenlinie vordrangen. Vielleicht hätten die Spieler mit energischen Pässen, flach gespielt, dem Wind ein Schnippchen schlagen können. Aber sie ergaben sich ihm, gehorchten seinen Einfällen.
Zu was der Wind in der Lage sein würde, zeigte er Mitte der ersten Halbzeit. In der 26. Minute segelte ein Schuss an unser Lattenkreuz, und wir wussten nicht, was das bedeuten sollte: ein Schreckschuss, der Schlimmeres ankündigte, oder eine Vorahnung unseres Glücks. Fünfzehn Minuten banges Warten. Und dann: Kurz vor und bald nach der Pause offenbarte der Wind, wem er an diesem Tage seine Gunst zuteil werden lassen würde – ein Freistoß (von Zimmer) und ein Fernschuss (oder Flanke? oder was auch immer) lenkten die Halberstädter ins eigene Tor. Ungeschick oder Strafe? Wer kennt schon das Wesen des Windes. Aber dass er auf unserer Seite war, das konnte auch ein Gegentor eine Viertelstunde vor Schluss nicht verhehlen. Es war, als wollte er uns provozieren, mit aller Kraft (und Angst) noch einmal gegen ihn anzusingen. Und wir ließen uns nicht lumpen (von wegen „Germanenecho“: die Ultras Halberstadt standen etwas verloren hinter ihrem zu groß geratenen Banner).
Am Ende fasste das paradoxe Geschehen dieses Nachmittags unser dieses Mal stiller, vom Wind zerzauster Stadionsprecher in die Worte: „Halberstadt hat drei Tore geschossen, und wir haben 2:1 gewonnen“, und grinste über beide Ohren. Wir alle wussten, es hätte auch anders kommen können, und wir wussten, wir hätten uns darüber auch nicht beschweren können. Aber so ist es nicht gekommen. Und das wussten wir auch. Und genossen es, vom Wind gestreichelt worden zu sein. Und lachten leise von Herzen. Und bestätigten fröhlich Rousseaus Weisheit.
Kommenden Freitag gegen Union werden wir wieder nüchtern sein. Der Wind wird schlafen, und wir werden umso lauter singen, wenn es gilt, wieder ohne Beistand das Schicksal – wie der Volksmund sagt – „in die eigenen Hände“ zu nehmen.

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