Berlinwoche zum Schluss.

Los ging es gegen einen unserer Lieblingsgegner, den BFC. Während die Gäste auf dem Feld mit schnell vorgetragenem Umschaltspiel wirklich überzeugten, war es im Gästeblock erneut ein Festival der Peinlichkeiten. Egal woher der Batteriemensch kam, er ist ein Idiot. Ebenso wie die 100 Einzeller, welche nach dem Spiel partiell Nazikram abließen und der körperlichen Auseinandersetzung sicher nicht abgeneigt waren->BFC halt. Wobei „Ohne Bullen habt ihr keine Chance“ bei den Kanten schlicht und ergreifend zutreffend ist, genauso wie der Fakt, dass der Großteil derer Klamotten des Mielkeclubs trug und sich eben nicht, wie im weinroten Forum behauptet, irgendwelche Leipziger etc. ausgetobt hätten. Unsere Stimmung, bei dem 0:0 der besseren Sorte, durchgängig ok, während die Befzen mittlerweile nicht mal mehr Schlachtrufe hinkriegen. Die Ultras dort haben die gleiche Sinnhaftigkeit wie Eckbälle für Nulldrei oder alkoholfreies Bier für Oese. Nach dem Spiel passierte in Babelsberg nichts mehr, in Marzahn jedoch ging das 130:130 dann erwartungsgemäß an uns.

Beendet wurde das Fußballjahr mit dem Heimspiel gegen Viktoria Berlin, die trotz doppelten Etats nur ein lächerliches 2:2 im KarLi erreichen konnten. Zurecht steht da kein Fan im Gästeblock, auch wenn der dadurch das etwas unmotivierte Pyrointro der Nordkurve, die danach erneut „ganz ok“ supportete, verpasste. Interessanter war es dann vor und nach dem Spiel. Vor dem Spiel begegnet man im Bistro seines Vertrauens halt einfach mal einem (mir ein wenig bekannten) OM-Ultra mit Slovan Liberec Mütze, welcher einen selbst, ausgestattet mit Super 3-Pulli (lag ganz oben im Schrank) und Zawisza Bydgozszszszszszzzz Mütze (ist halt ein „Z“ für Zujezogen drauf) sehr lange mustert und selbst nach 10 Minuten nicht weiß, ob er mich umhauen oder mir ein Bier ausgeben soll. Ein Glück gibt es Sankt Pauli, die schlichten nämlich immer. Nach dem Spiel gab es dann entspannte Gespräche mit der „Kurvenkratzer“-Crew („Wir fliegen morgen nach Thessaloniki…..keine Ahnung,  was wir uns da angucken“ oder „Die Deppen von Los Misenas sind klein…also wirklich sehr klein….also….äh…die kann man einfach umhauen. Klein halt“) und das ein oder andere Pivochen. Schöner Jahresabschluss.

 

PS: Durchhalten, Sektion Ungeboren!!!

Lehrreiches Schönberg

  • Es ist schwierig, etwas zu beschreiben, was man nicht sieht. Scheintote etwa berichten nach ihrer Rückkehr ins irdische Leben, dass sie auf oder jenseits der Grenze zum Tod helles, weißes Licht gesehen hätten. Das ist ein wenig enttäuschend. Zwar haben wir nicht gerade das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes erwartet, aber ein paar Konturen des Jenseits hätten es schon sein können. Doch nichts da.Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte unsere Reisegruppe am Sonntag an den Rändern Mecklenburg-Vorpommerns zu kämpfen, als es um die Erinnerung an den legendären, wenn auch kaum bekannten Schönberger Kessel ging. Wie erzählt man den Nachgefahrenen von einer Wirkung ohne Ursache, also davon, warum beim letzten Auswärtsspiel in Schönberg im Februar 2004 rund 60 unserer Fans eingekesselt wurden? Da wird man verlegen, quasi scheintot.

    Anders sieht es aus, wenn wir das Ganze nicht als ein Kausalverhältnis zu begreifen suchen, sondern als Zweck-Mittel-Relation. Wobei jetzt die Polizei das Mittel ist. Das Mittel zum Beispiel, um gegnerische Fangruppen zu trennen. Von Marx’ Entfremdungstheorie wissen wir, dass die Mittel dazu neigen, sich gegenüber den Zwecken zu verselbstständigen. So geschehen auch an jenem fernen Februartag, als außer uns und der Polizei niemand da war. Das ist schwer zu verstehen, zugegeben. Deshalb könnte man zur Erhellung ein Experiment wagen: Man schicke eine Polizeitruppe auf ein Feld, auf dem keiner ist, und schaue, ob sie in der Lage ist, zwanzig Anzeigen zusammenzubringen. Das ist so absurd wie albern, aber ein wenig Spaß muss sein, so wie bei der Kranzniederlegung am Sonntag.

    Von solch hintersinnigem Geplänkel wusste unsere Mannschaft nichts und führte nach acht Minuten 1:0 (Steinborn). In der Folge machte sich Sorglosigkeit breit, auf der nigelnagelneuen Stahlrohrgästetribüne, wo die Ultras fröhlich neue Lieder einstudierten, ebenso wie auf dem Platz, wo unsere Mannschaft den Ball durch ihre Reihen holpern ließ – was nebenbei die sportliche Version von Adornos Frage »Gibt es ein wahres Leben im Falschen?« aufwarf: Ist ein gepflegtes Passspiel auf ungepflegtem Grund überhaupt möglich?

    Unsere Elf ließ sich weder vom Rasen noch von entfremdungstheoretischen Gedanken provozieren, versäumte gelassen ihre Chancen aus und lud die Schönberger ein, es ihnen gleich zu tun. Gegen Jena vor Wochenfrist hätte das zu einem Debakel geführt, doch die Heimmannschaft erwies sich eine knappe Stunde lang als galanter Gastgeber und nahm unsere Einladung an. Dann war der Ausgleich nicht mehr zu vermeiden.

    Nun hätte das Spiel eine Wende nehmen können. Aber schnell wurde klar: Niemand wollte Überraschungen. Die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Also bemühte man sich um die Wiederherstellung des alten Zustandes. Und es dauerte nicht lange, da holte ein Schönberger unseren durchgebrochenen Stürmer im Strafraum von den Beinen. Notbremse. Rote Karte. Elfmeter. 2:1 für den Favoriten (Shala). Der Rotsünder trottete im Schneegriesel traurig davon und manche der geschätzten 300 Heimfans taten es ihm gleich und verloren sich in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.

    Noch waren mehr als 20 Minuten zu spielen. Und dann wieder ein Paradox: Niemand kann in die Zukunft schauen, die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Aber alle wussten: Das Spiel ist gelaufen. Oder taten so, als wüssten sie es. Und um nicht Lügen gestraft zu werden, demonstrierten sie dem staunenden Publikum, was eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, und schossen auf das Schönberger Tor: die Babelsberger (3:1 Shala) und die Schönberger (4:1 Eigentor) und dann wieder die Babelsberger (5:1 Uzun). Und dann war Schluss. Und jetzt hatte keiner mehr Lust auf Philosophie. Die Schönberger nicht. Die Babelsberger nicht. Und die Polizei auch nicht.