Kamenitza Sons

Den ehrenwerten Idefixer und meiner einer verschlug es im April erneut in den Osten, genauer gesagt nach Bulgarien. Doch nicht der (schn)öde Fussball, nein, Kultur stand auf dem Zettel.

Nach sehr angenehmem Flug aus Berlin („Macht es ihnen etwas aus, am Notausgang zu sitzen?“-“Äh, ne.“) landete man (ja, ich benutze nicht die Form „mensch“) in den Mittagsstunden in Sofia und begab sich per Bus in das Zentrum dieser unerwartet riesigen Stadt. Das beste Hostel Osteuropas, das „Hostel Mostel“, war zwar ausgebucht, Unterschlupf fanden wir aber in einer nicht minder geilen Unterkunft. Der Betreiber lebte in dem Hostel und verlangte horrende 9 Euro mit Frühstück. Leckere Pizzastücken und das die Überschrift bezeichnende Bier rundeten den schönen ersten Abend gelungen ab. Am nächsten Morgen stand der am Vortag gebuchte Ausflug zu dem kulturellen Highlight Bulgariens an, dem Kloster Rila. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alleine die Lage, eingeschlossen in den Bergen und umspielt von einem Fluss, war schon traumhaft, die Anlage selbst stand dem aber in nichts nach. Wahnsinn! Am Abend natürlich noch der obligatorische Fußmarsch zur Nevski-Kathedrale und insgesamtes Ausklingen in der wirklich überzeugenden Stadt Sofia.

Am nächsten Morgen super Timing bewiesen, ein immer wiederkehrendes Merkmal unserer Tour. 7:56 Tickets kaufen, 8:00 in den überraschend neuen und sauberen Bus eingestiegen und 3 Stunden später die alte Hauptstadt Veliko Tarnovo erreicht. Eingecheckt im „Hostel Mostel“ und hernach die große Burganlage Zarewez sowie die Altstadt (unzählige Hangbauten) erkundet. Prädikat wertvoll, zumal der Abend mit einem kleinen Schwippserken abgerundet wurde.

Weiter ging es am nächsten Morgen per Bus an die Schwarzmeerküste nach Varna. Wackelkandidat war die Stadt in unseren Plänen schon im Vorhinein, bei Ankunft fiel sie sogar um. Ein freundlicher Einheimischer half uns bei den Umsteigeplänen („Meine Tochter studiert in Halle“-> Kommentare von uns wie „Ach, da ist ja auch schön!“ wären nur geheuchelt gewesen, man schwieg einfach). Der einzige Bus in die Weltkulturerbestadt Nessebar fuhr natürlich 20 Minuten später (Timing ist alles) und am Nachmittag erreichten wir unser Ziel, welches umgeben von tausenden modernen Hotels sein Dasein fristet. Unterkunft mit Blick aufs Meer + Frühstück für 15 Euro….joa, ab geht es zur Erkundung dieser kleinen Halbinsel. Traumhaft: Alle 5 Meter irgendein byzantinischer Bau, eingebettet zwischen dem Meer und engen Gassen mit Holzbauten. Wir durchquerten alles bestimmt 7 Mal, satt sehen war unmöglich. Abends noch dem Meeresrauschen zugehört und sich zum xten Male gefreut.

Südlich sollte es nun gehen, ab nach Burgas. Eventuell war es ja sogar möglich, einen Kurztrip nach Sosopol zu organisieren, schließlich wurde es als Nessebar in klein tituliert. Tja, was soll ich sagen: Ankunft in Burgas 11:28, Abfahrt eines Minibusses nach Sosopol direkt vor unserer Schnauze um 11:30 Uhr. Sosopol selbst ohne Frage sehenswert, an Nessebar kommt es aber sicherlich nicht heran. Burgas hingegen ist ne recht interessante Stadt. Sehr quirlig, ein sehr langer Sandstrand und ein typisch osteuropäischer Park am Meer luden zum Verweilen ein. Auch die Heimstätten von Chernomorets Burgas (inmitten von Plattenbauten mit lustigen Graffitis) und das alte Stadion von Naftar Burgas (aber nur aus dem Bus, Gegend furchteinflößend) wussten zu gefallen. Dachten wir im Vorhinein, die Stadt wäre von westlichen Touristen in den Sommermonaten bevölkert, widerlegte uns eine Kellnerin in einem Seitenstraßenrestaurant dahingehend. Sie betonte, dass dies gerade ein sehr, sehr seltener Anblick sei und versprach uns ein typisch bulgarisches Essen. Keinen Gedanken ans Abzocken verschwendend, brachte sie uns den obligatorischen Schopska-Salat (jeden Tag gegessen) und eingelegtes Hühnchenfleisch, anstatt uns mit teurem Fisch und Ähnlichem auszunehmen. Ingesamt erhalten 99% aller Bulgaren bezüglich der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit ein „sehr gut“!

Am nächsten Tag stand endlich das Zugfahren an, 5 Stunden Gemütlichkeit nach Plovdiv, der zweitgrößten Stadt des Landes mit knapp 380.000 Einwohnern. Machte uns ein seit einem Jahr startender Billigflieger von London nach Plovdiv betreffs des Tourismus`, respektive der damit einhergehenden Ablehnung des Selbigen seitens der Bevölkerung, diesbezüglich Angst, gilt auch hier zu konstatieren: Wenn Touristen, dann eigentlich nur Bulgaren. Von unserer Unterkunft schlenderten wir gemütlich in die lebendige Einkaufsstraße, bewunderten die integrierten alten römischen Bauwerke und begaben uns, nach einer kurzen Bierstärkung in einem Biergarten mit Blick über ganz Plovdiv, alsbald in die verwinkelte Altstadt. Letztere ist sehr groß, verwinkelt und geil. Das Sahnehäubchen bildet ein sehr gut erhaltenes römisches Amphitheater, an deren Ende wir das nächste Bier zu uns nahmen. Keine Sorge, dies artet jetzt nicht in einen Ultra-Unfug-Bericht aus (3 Würste hier, 4 Bier da….), aber zugegebenermaßen waren wir am Ende dieses Tages „gut zurechtgemacht“. Dementsprechend startete der nächste Tag sehr gemütlich. Auf dem Plan stand Stadionhopping und ein nochmaliges Besuchen der Altstadt. Die Stadien von Lokomotive und Botev natürlich Spitzenklasse, abgerammelt ohne Ende und inmitten der Wohnblocks. Altstadt natürlich erneut Bombe, ebenso wie Messis Traumtor gegen Real, welches von uns am letzten Abend in unserem Pensionszimmer bewundert wurde. Tags drauf ging es per Zug durch beeindruckende Täler zurück nach Sofia und über München per Flugzeug in die Heimat.

Was sonst noch?:

Wirklich arm sind nur die Sinti und Roma, welche teilweise unter grausamen Verhältnissen zu leiden haben. Auch die Bulgaren treten nur nach unten.

Allgegenwärtige antisemitische Tags und Hakenkreuze in den Plattenbauten, linke Jugendliche in der Innenstadt und auf den öffentlichen Plätzen ergaben ein ambivalentes Bild.

Super: Preisniveau, Essen, Freundlichkeit, kulturelle Vielfalt, Kamenitza-Bier sowie das Ausbleiben von Massentourismus (bis auf Nessebar).

Perfekt: Der Urlaub, an dem mir wirklich nichts Negatives einfallen würde.

Danke fürs Lesen.