Unauffälliges aus Jena

Einige Steinwürfe nördlich des traditionsreichen Ernst-Abbe-Sportfeldes, auf einer Anhöhe nahe Jena, befindet sich ein sogenannter Napoleonstein. Dieses Denkmal erinnert an den historischen Sieg der napoleonischen Armee über den preußischen Heeresverband am 14. Oktober 1806. Da die Franzosen zeitgleich den zahlenmäßig überlegenen preußischen Truppen auch im nahen Auerstedt eine vernichtende Niederlage beibrachten, konnte die preußische Bevölkerung ein paar Jahre lang davon träumen, dass in Deutschland die bürgerliche Gesellschaft über den Feudalismus gesiegt habe.

Knapp 210 Jahre später geschah im Stadion des FC Carl Zeiss Jena beim Spiel gegen den SV Babelsberg 03 nichts Historisches. Am Abend des 6. Mai 2016 bemühten sich beide Teams vielmehr redlich darum, einigermaßen unauffällig zu agieren. In der ersten Hälfte gelang das unserer Equipe deutlich besser. Das ersparte uns, die Hälse zu recken, um die Strafraumszenen vor dem fernen gegnerischen Tor zu verfolgen. Da gab es nichts zu sehen. Dafür war hin und wieder ein gedämpftes Ah! und Oh! zu vernehmen, wenn der Ball gelegentlich am Tor des wackeren Rückkehrers Marvin Gladrow vorbeistrich oder gegen das Aluminium klatschte.

Im zweiten Abschnitt gelang es der Heimelf, sich dem Babelsberger Spiel anzupassen. So war es unausweichlich, dass sich auch unseren in Rot gewandeten Blauweißen ein paar Chancen boten, von denen sie, das muss man ihnen lassen, zwei ziemlich schön und konsequent nutzten. Die Torschützen in der 66. bzw. 75. Minute waren – guter Rat muss nicht teuer sein – wieder einmal Andis Shala und Matthias Steinborn. Gar nicht auszumalen, was passieren würde, wenn diese beiden in der kommenden Saison nicht mehr das Trikot von Nulldrei tragen sollten. Aber statt überflüssiger Unkenrufe gab es bei den Fans fröhlichen und – wie eigentlich fast das ganze Spiel über – ordentlichen Support.

Trotz eines durchaus seltenen Auswärtssieges in Jena hielt sich die Ausgelassenheit bei Team und Anhang danach in Grenzen. Das galt selbst noch für die Heimfahrt im Bus, wo statt bierseliger Euphorie phasenweise das Programm des MDR Sachsen zu vernehmen war. Vielleicht ist das die Erschöpfung kurz vor Ende einer Saison, in der unsere Elf seit geraumer Zeit im gepflegten Niemandsland spielt. Vielleicht ist das aber auch einem stillen Einvernehmen zwischen Mannschaft und den Treuesten der Treuen geschuldet, äußerst unauffällig alle Kräfte für das bevorstehende Pokalfinale zu sammeln. Um dann doch noch Historisches zu schaffen und sich wieder in den (Fußball-)Geschichtsbüchern zu verewigen. Dann wird es heißen: Ganz Ausgebuffte, diese Babelsberger.

 

Lehrreiches Schönberg

  • Es ist schwierig, etwas zu beschreiben, was man nicht sieht. Scheintote etwa berichten nach ihrer Rückkehr ins irdische Leben, dass sie auf oder jenseits der Grenze zum Tod helles, weißes Licht gesehen hätten. Das ist ein wenig enttäuschend. Zwar haben wir nicht gerade das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes erwartet, aber ein paar Konturen des Jenseits hätten es schon sein können. Doch nichts da.Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte unsere Reisegruppe am Sonntag an den Rändern Mecklenburg-Vorpommerns zu kämpfen, als es um die Erinnerung an den legendären, wenn auch kaum bekannten Schönberger Kessel ging. Wie erzählt man den Nachgefahrenen von einer Wirkung ohne Ursache, also davon, warum beim letzten Auswärtsspiel in Schönberg im Februar 2004 rund 60 unserer Fans eingekesselt wurden? Da wird man verlegen, quasi scheintot.

    Anders sieht es aus, wenn wir das Ganze nicht als ein Kausalverhältnis zu begreifen suchen, sondern als Zweck-Mittel-Relation. Wobei jetzt die Polizei das Mittel ist. Das Mittel zum Beispiel, um gegnerische Fangruppen zu trennen. Von Marx’ Entfremdungstheorie wissen wir, dass die Mittel dazu neigen, sich gegenüber den Zwecken zu verselbstständigen. So geschehen auch an jenem fernen Februartag, als außer uns und der Polizei niemand da war. Das ist schwer zu verstehen, zugegeben. Deshalb könnte man zur Erhellung ein Experiment wagen: Man schicke eine Polizeitruppe auf ein Feld, auf dem keiner ist, und schaue, ob sie in der Lage ist, zwanzig Anzeigen zusammenzubringen. Das ist so absurd wie albern, aber ein wenig Spaß muss sein, so wie bei der Kranzniederlegung am Sonntag.

    Von solch hintersinnigem Geplänkel wusste unsere Mannschaft nichts und führte nach acht Minuten 1:0 (Steinborn). In der Folge machte sich Sorglosigkeit breit, auf der nigelnagelneuen Stahlrohrgästetribüne, wo die Ultras fröhlich neue Lieder einstudierten, ebenso wie auf dem Platz, wo unsere Mannschaft den Ball durch ihre Reihen holpern ließ – was nebenbei die sportliche Version von Adornos Frage »Gibt es ein wahres Leben im Falschen?« aufwarf: Ist ein gepflegtes Passspiel auf ungepflegtem Grund überhaupt möglich?

    Unsere Elf ließ sich weder vom Rasen noch von entfremdungstheoretischen Gedanken provozieren, versäumte gelassen ihre Chancen aus und lud die Schönberger ein, es ihnen gleich zu tun. Gegen Jena vor Wochenfrist hätte das zu einem Debakel geführt, doch die Heimmannschaft erwies sich eine knappe Stunde lang als galanter Gastgeber und nahm unsere Einladung an. Dann war der Ausgleich nicht mehr zu vermeiden.

    Nun hätte das Spiel eine Wende nehmen können. Aber schnell wurde klar: Niemand wollte Überraschungen. Die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Also bemühte man sich um die Wiederherstellung des alten Zustandes. Und es dauerte nicht lange, da holte ein Schönberger unseren durchgebrochenen Stürmer im Strafraum von den Beinen. Notbremse. Rote Karte. Elfmeter. 2:1 für den Favoriten (Shala). Der Rotsünder trottete im Schneegriesel traurig davon und manche der geschätzten 300 Heimfans taten es ihm gleich und verloren sich in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.

    Noch waren mehr als 20 Minuten zu spielen. Und dann wieder ein Paradox: Niemand kann in die Zukunft schauen, die Schönberger nicht und die Babelsberger auch nicht. Aber alle wussten: Das Spiel ist gelaufen. Oder taten so, als wüssten sie es. Und um nicht Lügen gestraft zu werden, demonstrierten sie dem staunenden Publikum, was eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, und schossen auf das Schönberger Tor: die Babelsberger (3:1 Shala) und die Schönberger (4:1 Eigentor) und dann wieder die Babelsberger (5:1 Uzun). Und dann war Schluss. Und jetzt hatte keiner mehr Lust auf Philosophie. Die Schönberger nicht. Die Babelsberger nicht. Und die Polizei auch nicht.

Wind of Change im Karli

 

Zu Zeiten, als die DDR West-Berlin noch fest umgürtete, gab es weit im Westen der Frontstadt, direkt an der Mauer in Spandau, ein Irrenhaus. Wenn gelegentlich ein Insasse zurück in die Freiheit wollte, dann sprang er auf der Rückseite Richtung Westen in den Osten. Das war keineswegs irre, denn vorn wäre er gleich wieder eingeliefert worden. Aber es war doch verwirrend mit dem gleichzeitigen Osten und Westen. Das fanden auch die DDR-Grenzer, die solche illegalen Grenzübertritte nicht gewohnt waren.

Ähnliche Verwirrungen gibt es im Fußball. Da kann man beispielsweise nie verlieren und doch nach unten durchgereicht werden. Dies Paradox kennt man gut in Babelsberg. Bevor man daran irre wird, dachte sich die Mannschaft wohl, als es am vergangenen Freitag im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion gegen die Zweite von Erna ging, spielt man nach vorn, gewinnt, holt drei Punkte und braucht sich nicht kirre machen zu lassen. Und so liefen, spielten und kombinierten sie die ersten 30 Minuten munter und höchst ansehnlich. Immer Richtung Westen auf das Tor des Charlottenberger Traditionsvereins, selbst eine Ikone West-Berlins und fast so weit Westen wie Spandau, quasi Vorort, wenn der Name Spandauer Vorstadt nicht schon vergeben wäre. Und dessen Mannen merkte man an, dass sie noch daran zu knabbern hatten, nach Süden in den Osten gefahren zu sein. Die Führung für Nulldrei (Steinborn) war daher nur eine Sache der Zeit.

Nach dem Seitenwechsel war zu spüren, wie froh unsere namenlosen Gäste (hat man dort kein Geld für ordentliche Trikots?) waren, nun endlich auch nach Westen spielen zu dürfen, heimwärts gleichsam. Gerade drei Minuten vergingen bis zum Ausgleich, und nach abermaliger Babelsberger Führung (Cubukcu) brauchte man dazu nicht einmal 60 Sekunden. Nun schien das Gespenst von der unbesiegten Talfahrt wieder die Runde zu machen und die Beine unserer Jungs zu lähmen.

Doch in den Schlussminuten kam ein Wind von historischer Dimension auf. Als wolle man den Mauerfall vor einem Vierteljahrhundert feiern, berannten die Unsrigen das Tor im Osten. Unheil ahnend, warfen sich die Gäste einer nach dem anderen jammernd zu Boden, doch so war der Lauf der Geschichte nicht aufzuhalten. Während Cem dem Schicksal nicht zu trauen schien und in der Nachspielzeit noch einmal auswechselte, machte die Kurve mobil und skandierte ohne Unterlass „Los jetzt ihr!“ und dann „Los jetzt hier!“ – eine Verschiebung ähnlich wie weiland vom „das“ zum „ein“. Auf jeden Fall eine unmissverständliche Ansage: Hic Rhodos, hic salta!

Beflügelt von solchen Chören, setzten sich die Babelsberger in der gegnerischen Hälfte fest, drangen in den Strafraum ein und ließen sich dort umhauen. Eine Provokation? Vielleicht, aber so genial geschickt, dass auch der Funktionär an der Seitenlinie resigniert, aber redlich (das muss man ihm lassen) die Fahne hob. Noch war unklar, was folgen sollte, obwohl die Entscheidung schon getroffen war. Der Schiri, in dieser Situation ein Wiedergänger Günter Schabowskis, eilte zur Außenlinie und befragte seinen Zettel (hier der Assistent). Ein letzter kollektiver Aufruhr (Rudelbildung), um das Unvermeidliche doch noch zu verhindern. Und dann die zunächst zögerliche, doch schließlich bestimmte richtungsweisende Handbewegung. Der Sturm auf das Tor ist freigegeben! Elfmeter! Ernas fulminanter Torwächter hat keinen Zettel und keine Chance. Verwandelt (Shala). 3:2!

Dass sich die Geschichte wiederholt, hat schon Marx gewusst, der von Fußball keine Ahnung hatte. Und was einmal politischer Ernst war, kann durchaus zum Lustspiel reifen, zum Beispiel am letzten Freitag im Karl-Liebknecht-Stadion, als der Jubel keine Grenzen mehr kannte und noch einmal den gesamten Ostblock ergriff, der heute nur noch Kulisse ist. Ebenso wie Ost und West. Über die Revolution allerdings werden wir demnächst zu reden haben.

 

Gatuno – Unter Räubern auf Madeira

Die Atlantikinsel Madeira ist Ronaldo-Land. Hier ist er geboren. Hier gibt es ein CR7-Museum. Hier läuft auf der offiziellen Verbandsseite ein Ticker mit Nachrichten zum aktuellen Befinden des Real-Stars. Und hier gibt es den Verein, bei dem der junge Cristiano gegen den Ball trat, bevor er wusste, was Haargel ist. Dieser Verein existiert erstaunlicherweise immer noch, obwohl Ronaldo ihn als 15-Jähriger verlassen hat. Er heißt Clube Desportivo Nacional Madeira, spielt in der 1. Portugiesischen Liga und ist in Funchal beheimatet, der Hauptstadt Madeiras, die sich über einige Berghänge einer Meeresbucht erstreckt.

Hoch oben über diesem steil ansteigenden natürlichen Amphitheater, knapp unterhalb eines Gebirgskamms befindet sich die Heimspielstätte von Nacional. Das erlaubt spektakuläre Blicke vom Tribünenaufgang über Bucht und Stadt. Allerdings stauen sich auf der Nordseite des Kamms häufig Wolken an, die irgendwann über den Berg schwappen – eine Art Maloja-Schlange ohne Juliette Binoche. Dann wird es auch ohne Pyrotechnik im Stadion recht unübersichtlich, und man hat genügend Zeit sich ein billiges (90 Cent), aber leider alkoholfreies Bier zu holen, bevor der Schiri wieder anpfeift.

Das ist an dem Tag, da es vor knapp 2.000 Zuschauern gegen Belenenses geht, aber gar nicht nötig. Die Mannschaft aus dem Lissaboner Stadtteil Belem hat einen kleinen Außenstürmer mitgebacht, der in Körpergröße, Haltung und Bewegungsablauf an Lionel Messi erinnert, und ihm wie zur Provokation auch noch ein Trikot mit der Rückennummer 7 übergestreift. Ein im freien Raum unglaublich laufstarker Spieler, den sein Trainer irgendwann an die Seitenlinie beordert, um ihn ins Spiel einzubinden. Ohne Erfolg. Wie überhaupt die Mannen aus Belenenses in einem lebhaften Spiel recht glücklos agieren. Zwar gelingt ihnen kurz vor der Pause der Ausgleich, doch mit der erneuten Führung von Nacional ist das Spiel entschieden, auch wenn die Lissaboner am Ende in Überzahl sind.

Beim Stadionbesuch in fremden Landen lernt man nebenbei ein paar hübsche Vokabeln. Nach der zweifelhaften gelb-roten Karte für einen Spieler von Nacional skandiert das sonst sehr zurückhaltende Publikum lautstark „gatuno, gatuno“ – Räuber, Räuber. Das fußballerische Leitmotiv dieses Urlaubs. Apropos Support: Den gibt es bei diesem Spiel auch im Estadio da Madeira. Etwa zwei, drei Dutzend Leute mit drei Fahnen mühen sich redlich um stimmliche Präsenz, was sich aber zumeist im Rufen des Vereinsnamens (Nacional, Nacional usw.) erschöpft. Und beim Torerfolg der eigenen Mannschaft schnappen sich drei beleibtere Supporter die Fahnen und säckeln damit vor der Absperrung von links nach rechts und zurück, munter ins Publikum winkend. Ohne Zweifel: Man kennt sich hier.

Auf Madeira gibt es noch einen weiteren Erstligaklub, der ebenfalls in der Hauptstadt Funchal beheimatet ist und Maritimo heißt. Bei meinem Besuch auf der Insel hatte ich Glück. Binnen einer Woche waren dort die beiden Spitzenteams der Liga zu Gast: Benfica Lissabon und der FC Porto – und es gab einiges, auch Irritierendes zu sehen.

Das Stadion von Maritimo liegt in der Stadt, aber wenn man dort ist, ist man noch lange nicht drin, auch nicht mit Karte, die ich mir vorher schon besorgt habe. Man weiß ja nie. Als ich eine Viertelstunde vor Spielbeginn in der Schlange noch gut sechzig Meter vom Einlass entfernt bin und nicht vom Fleck komme, denke ich mir, geh mal nachschauen, nicht dass du an irgendeiner ausrangierten Pommesbude anstehst. Weit gefehlt. Ich war völlig richtig. Aber an der Kontrolle steht gerade mal ein Typ, und der telefoniert. Dem unterwürfigen Tonfall und dem genervten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, spricht der Mann entweder mit seinem Chef oder mit seiner Schwiegermutter. Hin und wieder schaut er gelangweilt auf ein Ticket und winkt jemanden durch. Angesichts der Tatsache, dass nur einmal im Jahr (heute!) das Estadio dos Barreiros nahezu voll sein wird, eine freche Personalplanung. Ich überlege schon, ob es vielleicht sinnvoller wäre, in eine Bar auszuweichen, wenn ich das Spiel sehen will, als mich wieder anzustellen. Aber zwei ältere Fans mit Bierbechern beruhigen mich. Kurz vor Anpfiff käme der Ordner schon in die Gänge. Nicht ganz, aber zur 10. Minute bin ich dann auch im Stadion.

Freie Platzwahl (alles Sitzplätze wie überall in den besuchten Stadien), also nicht weit von den 50 bis 60 Ultras hingesetzt. Aber jetzt: wer ist wer? Auf dem Platz spielt rotgrün gegen grünrot. Die Ultras sind – wen wundert’s – auch in Grün und Rot gekleidet, und da sie die ganze Zeit singen, egal was passiert, sind sie bei der Orientierungsfrage nicht eben hilfreich. Also geschaut, wem das rotgrüne Publikum so zuneigt. Raunen und Beifall, so einfach ist das nicht. Dann endlich: In der 25. Minute fällt das erste Tor. Alle Rotgrünen um mich herum springen auf und jubeln. Tor für die Heimmannschaft? Weit gefehlt. Auf der Anzeigentafel steht es nicht grün auf rot, aber schwarz auf weiß: Benfica führt 1:0. Die Ultras lassen sich nichts anmerken und singen unverdrossen weiter. Selbst als es in der zweiten Halbzeit binnen zehn Minuten 0:4 steht. Jetzt müssen sie auch noch manchen Mittelfinger der Umstehenden ertragen. Was ist hier los? Ich höre mich ein wenig um. Natürlich sei man Madeirer, heißt es unisono, und man wünsche Maritimo auch alles Gute, aber Benfica sei eben Benfica. Und weiter? Nichts weiter. Das ist schon bitter: Da ist das heimische Stadion endlich mal mit rund 7.000 Zuschauern leidlich gefüllt und doch kein Heimspiel.

Auf dem Platz tut sich nicht mehr viel. Die einen versuchen, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie schon verloren haben, und mühen sich um Haltung, die anderen darum, sich nicht zu verletzen. Hübscher anzusehen sind die umliegenden Berge im Abendlicht. Früher muss man von der Tribüne eine großartige Aussicht über Stadt und Bucht gehabt haben, aber seit einigen Jahren rührt man auch hier den Beton an. Auf drei Seiten umsteht nun schon kolossales mattes Grau die letzten Reste der alten fein geschwungenen Haupttribüne, in die sich langsam die Bagger fressen. Sinn und Zweck dieses Unterfangens dürften nicht mit Fußball zu begründen sein. Wahrscheinlich war gerade keine Autobahn auf Stelzen zu stellen und kein Tunnel durch die Berge zu bohren. Die Wahrheit liegt nicht immer auf dem Platz.

Eine Woche später gegen den FC Porto zunächst das gleiche Bild: schönes Wetter, viele Leute, lange Schlangen und der einsame telefonierende Schwiegersohn am Einlass. Dieses Mal bin ich zeitiger gekommen und schon vor dem Anpfiff im Stadion. Sicherheitshalber mal die Lage peilen. Aber meine Befürchtungen sind ganz umsonst: Porto spielt in Blau und Weiß. Das ist einfach. Auf den Rängen hinter den Toren halten sich Porto- und Maritimo-Fans die Waage, die Gegentribüne, wo stolze 37 Euro für das Ticket aufgerufen werden (hinterm Tor sind es immerhin auch noch 20 Euro), ist in einheimischer Hand; der Gästeblock ist, wie in der Vorwoche, sehr gut gefüllt. Das ist ein schönes und seltenes Bild, denn meist spielt man hier ohne Gästefans. Schließlich müssen die sich fürs Spiel einen Flieger chartern. Ein Problem, das die Madeirer Fußballfans alle zwei Wochen haben. Unter diesen Umständen, den mageren Zuschauerzahlen und den auch nicht ganz so üppigen Fernsehgeldern ist es beinahe ein kleines Wunder, dass sich gleich zwei Erstligaklubs auf der Insel halten können. (In der 2. Liga sind es ebenfalls zwei Vereine, Uniao Madeira und die Zweite von Maritimo, bei denen die Zuschauerzahlen häufig nicht einmal vierstellig sind.)

Auch auf dem Platz geht es diesmal anders zu. Zunächst ist es ein ausgeglichenes Spiel, selbst wenn man die spielerische Überlegenheit der Festländer allenthalben schon bemerkt. Als der Brasilianer Bruno Gallo nach einer guten halben Stunde für Maritimo einnetzt und die Mannen von Porto ihre Schockstarre überwunden haben, wird es einseitig, sehr einseitig. Aber auch das hat ja seinen Reiz, wenn die gnadenlos überlegene Mannschaft im Hintertreffen ist. Zumal die Madeirer etwa ab der 60. Minute die nun doch sehr ungleiche spielerische und kämpferische Auseinandersetzung um eine psychologische Dimension bereichern. Sie besinnen sich auf eine fast vergessene Figur aus dem Fußball der 1970er- und 1980er-Jahre: den Zeitschinder.

Im Minutentakt brechen nun in Grün und Rot gewandete Spieler auf dem Rasen zusammen, rufen nach Mutter und Vater, recken mit schmerzverzerrtem Gesicht Hände hilfesuchend gen Himmel. Andere scheinen den Verstand verloren zu haben, wissen nicht mehr, wo den Freistoß ausführen oder wie den Ball fangen, den ihnen der Balljunge zuwirft. Es ist ein Schauspiel! Und der aufsteigende Hass der Männer aus Porto ist auch auf der Tribüne von Minute zu Minute deutlicher zu spüren. Erstaunlicherweise gibt es keine Schwerverletzten und nur einen Platzverweis. Es bleibt schließlich beim völlig unverdienten 1:0. Beim nächsten Aufeinandertreffen wäre ich gern dabei. Denn wehe, wenn der „gatuno in die Fänge des Häschers gerät.

Aber es geht immer noch schlimmer. Wenige Tage später muss CD Portosantense in Camara de Lobos antreten, einer Nachbargemeine von Funchal. Camara de Lobos war einmal der Fischereihafen auf Madeira, heute gilt es als Armenhaus der Insel. Das sagt etwas über den Niedergang dieses ehrwürdigen Berufsstandes. Und wenn man ins kommunale Stadion fährt, weiß man auch, wer ihm längst den Rang abgelaufen hat: der Betonfacharbeiter. Überall auf dieser nirgendwo planen Insel sind Stützmauern nötig, für die Befestigung der Grundstücke, auf denen die Häuser stehen, ebenso wie für die kleinteilige Terrassierung der Berge, um das Nötigste anzubauen. Wo früher mühsam Feldsteine aufeinandergeschichtet wurden, fließt heute schier unerschöpflich der Beton aus den Mischmaschinen. Nicht nur für Mauern und Fundamente. Jetzt sind auch Landebahnen und Schnellstraßen auf Stelzen im Programm, Hotels, Tunnelröhren, Wellenbrecher – und eben Fußballstadien. Auch in Camara de Lobos. Da hat man eine schicke, für die Regionalliga (4. Liga) vielleicht etwas überdimensionierte Tribüne mit 2.500 Sitzplätzen hingegossen. Eine gewaltige Stützmauer läuft elegant hinter dem Tor bis auf die Gegenseite aus und verschafft Spielern, Trainern und dem Schiedsrichter eine Resonanzfläche, die jeden Schrei und jeden Pfiff mehrfach auf die Tribüne zurückwirft. Etwas gewöhnungsbedürftig. Aber die vielleicht 180 Zuschauer (erstaunlich jung und hip) stören sich nicht daran, zumal auf dem Rasen einiges geboten wird.

Die Mannschaft aus Porto Santo, der kleinen Badeinsel, zweieinhalb Fährstunden von Funchal entfernt, ist nur mit 13 Spielern angereist. Wahrscheinlich eine Frage des Geldes, denn Hin- und Rückfahrt kosten auch für Einheimische mehr als 30 Euro. Doch Sparsamkeit zahlt sich nicht immer aus, das wissen auch die Griechen. Mitte der ersten Halbzeit verletzt sich Portosantenses Torwart bei einer Parade und kann auch nach längerer Behandlung nicht mehr gerade stehen. Von den beiden Ersatzspielern ist offensichtlich keiner ein Torwächter. Es bleibt also ein Fragezeichen im Strafraum der Kleininsulaner. Zu dem Zeitpunkt steht es 1:1. Als wolle er ein Zeichen der Solidarität setzen, lässt der heimische Keeper kurz nach dem Wechsel einen aber so was von völlig harmlosen Weitschuss durch die Finger gleiten, dass selbst das Echo für einen Moment verstummt.

Wütend berennen daraufhin die Nachfahren der Fischersleute das Tor des maladen Torwarts, der zwar kaum noch gehen und stehen, aber dafür noch springen kann. und wie! Nur das Aufstehen fällt zusehends schwerer. Der schon in der ersten Halbzeit gelegentlich etwas undurchsichtig pfeifende Schiedsrichter erhöht in der 56. Minute die Betriebstemperatur, als er einen Portosantenser nach einem Allerweltsfoul vom Abwehrkampf befreit. Jetzt sind auch die Gäste wütend. Kurz darauf – es ist nicht ganz klar, ob seinen Schmerzen geschuldet oder dann doch einer emotionalen Überreaktion – streift das Fragezeichen beim Abschlag aus der Hand mit seinem Fuß nur den Ball, trifft aber dafür das Gesäß des vor ihm kreuzenden Mittelstürmers perfekt. Holla! Eine allgemeine Aufregung hebt an, nicht nur auf der Tribüne. Der Schiedsrichter wertet es als unglücklichen Zufall und lässt weiterspielen. Vielleicht ist ihm alles aber auch zu unübersichtlich, jedenfalls schickt er in der 77. Minute einen weiteren blau-weiß gewandeten Gast vor die Tribüne. Da sitzen sie nun, von den Zuschauern mäßig verhöhnt und schon bald von zwei der vier im Stadion anwesenden Uniformierten bewacht. Es ist unklar, ob zu ihrem Schutz oder zu ihrer Demütigung.

Inzwischen hat die Flurbereinigung ein erstes Ergebnis gezeitigt: Ausgleich, 2:2. Dass die Fischersöhne wenig Mitleid aufbringen und jetzt erst recht auf Sieg drängen, wer wollte es ihnen verdenken? Mal nicht die Arschkarte haben. So eine Chance bietet sich nicht jeden Spieltag. Sie flanken, köpfen und schießen aus allen Lagen. Doch der Gäste Tor scheint wie verzaubert. Da schlägt Fishermen’s Friend – nach einer, was soll man sagen: Schutzhand? – in der 87. Minute ein drittes Mal zu. Da waren’s nur noch acht.

Nun endlich ist der Bann gebrochen, und es fällt in der Nachspielzeit das erlösende Siegtor. In den Jubel der heimischen Zuschauer mischt sich eine leichte, fassungslose Heiterkeit ob des kuriosen Spielgeschehens. Wer weiß, wenn Gästefans zugegen gewesen und ein klagendes „gatuno, gatuno“ angestimmt hätten, es hätte ihnen wohl keiner übel ausgelegt. Ein denkwürdiger Tag, und dazu noch bei freiem Eintritt. In Babelsberg würde man sagen: Wat denn, wat denn – typisch 4. Liga! Auf jeden Fall beste Unterhaltung auch ohne die Großen aus Lissabon und Porto, vom wunderbaren Ronaldo ganz zu schweigen.

Der begegnet mir erst wieder auf der Fahrt zum Flughafen. Sein Sohn sei mit Cristiano zur Schule gegangen und habe mit ihm auf der Straße Fußball gespielt, erzählt mir der Taxifahrer voller Begeisterung. Was für ein Junge, und immer an sich gearbeitet! Aber auch zu Späßen und zu Streichen aufgelegt! Ein wunderbarer Kerl! Und jetzt folgt eine Anekdote auf die andere, dass ich schon glaube, den Verfasser der Tickermeldungen auf der Verbandsseite vor mir zu haben. Da fällt mein Blick auf die Taxiuhr. Sie ist aus. Oh weh, das kann teuer werden. Der Schwiegerfreund Ronaldos sieht mich an und lacht: „Freundschaftspreis für Fußballfreund.“ Von wegen „gatuno“.

 

Spielbericht 03-Union II

Die Offenbarung des Torwarts

 Es gibt Momente, da muss man kein religiöser Mensch sein, um eine Offenbarung zu haben. Um in einem einzigen Augenblick zu verstehen, was man jahrelang nicht begriffen hat. Etwa was es mit der Behauptung von Marx auf sich hat, dass der Mensch sich gegenüber dem Tier durch seine Antizipationsfähigkeit in der Arbeit auszeichne. Zwar, sagt Marx in seinem berühmten Biene-Baumeister-Beispiel, könnten viele Architekten der Biene beim Bau von Behausungen nicht das Wasser reichen, aber eines hätte selbst der dusseligste Baumeister noch der geschicktesten Biene voraus (und zwar im Wortsinne): Er weiß um das Arbeitsergebnis, weil er noch vor Beginn der Arbeit eine Vorstellung des Resultats im Kopf hat.

Wie vertrackt das ist, konnte man im Karli am vergangenen Samstag in der letzten Minute des Spiels gegen die Eisernen sehen. Ja, es offenbarte sich, als ein Unionist den Ball bienengleich auf der rechten Seite nach vorne trieb und aus dem Halbfeld hoch in Richtung Strafraum drosch. Also bienengleich jetzt nicht tierisch (diffamierend), sondern emsig. Fleißig wie die Bienen. Und das hatten sie ja auch nötig, die Roten, fleißig sein, nachdem sie zwischenzeitlich null zu drei zurückgelegen hatten.

Nun, zu diesem Zeitpunkt hätte es der rechte Läufer durchaus ruhiger angehen können. Denn da hatten sie schon zwei Tore aufgeholt. Aber er war gierig, und also wuchtete er den Ball Richtung Elfmeter.

Und während die Flugbahn noch ansteigend ist, scheint unser Keeper die Marxsche Theorie der Arbeit verstanden zu haben. Anders ist sein sekundenbruchteiliges Zögern nach dem Schuss des übereifrigen Berliners gar nicht zu erklären. Und die Kurve sieht es, sie fühlt, was das Zögern bedeutet. Man kennt das ja vom Esszimmer, wenn man den Tisch abräumt. Da hat man die Teller so schräg aufeinander getürmt, dass es ein Grausen ist. Und alles wackelt, und man stellt noch ein Schälchen drauf, und man weiß, dass man keine fünf Schritt weit kommen wird, und dann wird alles in Scherben liegen und das Geschrei wird groß sein. Und man geht trotzdem los.

Und während der Ball höher steigt und der Keeper zögert, spürt die Kurve genau, was er durchmacht. Dass er das Resultat seiner Handlung antizipiert und weiß, dass er ins Leere greifen wird, obwohl noch nichts ausgemacht scheint. Die Kurve versteht und schweigt.

Nicht so der Fußballexperte, den würde das jetzt gar nicht kümmern. Für ihn gilt: Wenn der Torwart rausgeht, muss er den Ball haben. Das ist die ewige Wahrheit des Experten, der nur noch Zwecke, aber keinen Sinn mehr kennt. Aber unsern Keeper schert dieser Neoliberalismus nicht, ihm sind die Zwecke einerlei. Er strafft sich, und während die Flugbahn des Balles ihren Scheitelpunkt erreicht, macht er erste Schritte Richtung Elfmeterpunkt, wo sich schon ein Knäuel erwartungsfreudiger Spieler gebildet hat.

Unser Keeper scheint regelrecht froh über diese Zusammenrottung, denn in den vorangegangenen fünfzehn Minuten hat er erleben müssen, wie seine zuvor so souverän aufgetretenen Kameraden nach den beiden Gegentreffern ganz fahrig wurden. Angst essen Viererkette auf. Und so standen sie zu sechst auf einer Linie und konnten doch die Pässe in die Schnittstellen nicht verhindern.

Der Ball senkt sich. Die Kurve schwitzt. Sie weiß, dass unser Keeper danebengreifen wird, und weiß, dass der Keeper das auch weiß. Aber der Keeper weiß auch, dass er sich dem Schicksal nicht entziehen kann, dass er springen muss, auch wenn er danebengreift. Und die Kurve begreift die Tragödie und formt schon die Lippen zum Chor.

Der Keeper springt. Er greift ins Leere. Das war klar.

Aber jetzt die Überraschung. Der Ball plumpst auf den Kopf eines Unionisten. Doch die haben kein Goldköpfchen dabei, sondern nur einen blanken Arsch. Und der taugt gar nichts, nicht nur in dieser Situation (und belegt wieder einmal, dass nicht alle Vereine die Fans haben, die sie verdienen). Sie bräuchten einen wie Jule Prochnow oder Seve Mihm, die das Leder kühl zum eins und zwei null eingenickt haben, oder einen wie Tobias Grundler, der sich für Torwartgeschenke wenigstens anständig bedankt. Aber die geben die Blauen nicht her. Und schon gar nicht jetzt für das tragische Fallobst. So hält ein Roter seine Birne hin, und der Ball fliegt aufs Tor. Und um Zentimeter vorbei.

Wer hätte das gedacht. Der Keeper nicht, die Kurve nicht und auch der Marx nicht. Der hätte gesagt, dass das mit seiner Theorie gar nichts zu tun hat und auf die Theorie der unbeabsichtigten Nebenfolgen des Handelns verwiesen. Aber das ist uns jetzt wurscht. Ganz egal. Und wir feiern auch nicht die Sieger, sondern den, der das Schicksal herausgefordert hat – und bitten den Keeper auf den Zaun. Unvergessen: 3:2!

Ball paradox

Das berühmte Wort des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau, nach dem das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei, hat immer dann Hochkonjunktur, wenn etwas durch mathematische oder statistische Operationen nicht mehr erfasst, erklärt oder gar begriffen kann. Solch Wunderliches nun geschah auch am vergangenen Sonntag in Halberstadt, als unsere Jungs beim VfB Germania Halberstadt antreten mussten (bei allem Respekt gegenüber Vereinsnamen, wie kann man eine Stadionzeitung bloß „Germanenecho“ nennen? Das hört sich nach Brüllen im Wald an, und da schallt es dann bekanntlich genau so raus. Also schon blöd. In dem dann gar nicht großmäuligen Heft, das sie aus Anlass unseres Gastspiels gedruckt haben, kamen wir übrigens außer in einem Pennälerwitz und mit der Mannschaftsaufstellung kaum vor. Na gut.)
Aber zurück zur rätselhaften Arithmetik dieses Tages. Zerlegt man das Ereignis Auswärtsfahrt in die klassischen vier Bestandteile, dann ergibt sich folgendes Ergebnis: Wurst = fad, Bier = fad, Spiel = fad, Support = fad. Ohne zwischen diesen Elementen voreilig irgendwelche Kausalitätsbeziehungen aufmachen zu wollen, so scheint doch – nimmt man alles zusammen – in summa gar nichts anderes herauskommen zu können als ein eindeutiges, ja geradezu fettes „fad“. Letzteres geht natürlich nicht, schon allein wegen der Contradictio in adiecto (fett und fad wollen nicht zueinander passen), aber da klingt schon ein wenig Überschuss an, hier quasi Sehnsuchtsfaktor (wenn ich beispielsweise an die tschechischen Würste vom Wochenende zuvor denke: da kannste dir, wie ein Freund treffend bemerkte, das Gesicht gleich nach dem ersten Biss waschen – nix fad). Stattdessen also Halberstädter Würstchen, genauer: Brühwürstchen! Kann man sofort und ohne Ende Witze drüber machen. Das haben die Halberstädter wohl auch geahnt und protzig ein „Weltmeister“ davor gesetzt, „Weltmeister Bockwurst“. Ich sag nur: „Germanenecho“.
Fett oder nicht, mathematisch kommt man jedenfalls nicht von der Stelle, fad+fad+fad+fad oder 4 x fad – das bleibt einfach: fad. Theoretisch. Praktisch: fröhliche Gesichter bei Spielschluss! Zum Staunen. Man sage jetzt nicht vorschnell: Bei dem Ergebnis, kein Wunder! Nein, das Resultat allein macht es nicht, macht es nie, eher schon, wie es gemacht ist. Und da bleibe ich dabei: Das war eine ganz und gar fade Angelegenheit, von uns und von den Halberstädtern auch, wie da 20 Spieler nach dem Ball hüpften, planlos über den Platz säckelten und Pässe (?) ins Nichts schlugen. (Wollen mal nicht hoffen, dass das mit „Fußball unplugged“ gemeint ist.) Das sah doch alles sehr nach Zufall aus. Und jetzt kommt man der Sache schon näher.
Dass Eigenartiges in der Luft liegen würde, konnte man bereits auf der Anreise ahnen, als man(n) beim Austreten darauf achten musste, sich nicht zu blamieren (apropos Bedürfnisse: drei Klos im Gästeblock, das ist frech – wir sind doch nicht der BAK), und die Bahnfahrer wegen umgestürzter Bäume länger brauchten (jetzt mal was Positives über die Gastgeber: feine Geste, deswegen das Spiel später anzupfeifen!). Der Wind, der Wind also. Der machte von Anbeginn an klar, wer der Herr im Stadion sein würde. Er nahm einen langen Anlauf aus den Bergen und pfiff uns an der Gegengerade giftig ins Gesicht, fegte den Schaum vom Bier und riss unsere Gesänge in Fetzen, die nicht einmal bis zur Außenlinie vordrangen. Vielleicht hätten die Spieler mit energischen Pässen, flach gespielt, dem Wind ein Schnippchen schlagen können. Aber sie ergaben sich ihm, gehorchten seinen Einfällen.
Zu was der Wind in der Lage sein würde, zeigte er Mitte der ersten Halbzeit. In der 26. Minute segelte ein Schuss an unser Lattenkreuz, und wir wussten nicht, was das bedeuten sollte: ein Schreckschuss, der Schlimmeres ankündigte, oder eine Vorahnung unseres Glücks. Fünfzehn Minuten banges Warten. Und dann: Kurz vor und bald nach der Pause offenbarte der Wind, wem er an diesem Tage seine Gunst zuteil werden lassen würde – ein Freistoß (von Zimmer) und ein Fernschuss (oder Flanke? oder was auch immer) lenkten die Halberstädter ins eigene Tor. Ungeschick oder Strafe? Wer kennt schon das Wesen des Windes. Aber dass er auf unserer Seite war, das konnte auch ein Gegentor eine Viertelstunde vor Schluss nicht verhehlen. Es war, als wollte er uns provozieren, mit aller Kraft (und Angst) noch einmal gegen ihn anzusingen. Und wir ließen uns nicht lumpen (von wegen „Germanenecho“: die Ultras Halberstadt standen etwas verloren hinter ihrem zu groß geratenen Banner).
Am Ende fasste das paradoxe Geschehen dieses Nachmittags unser dieses Mal stiller, vom Wind zerzauster Stadionsprecher in die Worte: „Halberstadt hat drei Tore geschossen, und wir haben 2:1 gewonnen“, und grinste über beide Ohren. Wir alle wussten, es hätte auch anders kommen können, und wir wussten, wir hätten uns darüber auch nicht beschweren können. Aber so ist es nicht gekommen. Und das wussten wir auch. Und genossen es, vom Wind gestreichelt worden zu sein. Und lachten leise von Herzen. Und bestätigten fröhlich Rousseaus Weisheit.
Kommenden Freitag gegen Union werden wir wieder nüchtern sein. Der Wind wird schlafen, und wir werden umso lauter singen, wenn es gilt, wieder ohne Beistand das Schicksal – wie der Volksmund sagt – „in die eigenen Hände“ zu nehmen.